Naturgefahren im Nachhaltigkeitskontext, Teil 3 – Starkregen

Jeder zweite Überschwemmungsschaden ist, neben ausufernden Bächen, Flüssen und Seen, auf lokale Starkregen zurückzuführen. Nachhaltiges Bauen bedeutet daher auch, frühzeitig die Gefährdung am Standort abzuklären und präventiv geeignete Schutzmassnahmen zu ergreifen. Dabei lassen sich Synergien zur Klimaanpassung nutzen und aufgefangenes Regenwasser nutzbringend einsetzen – ganz nach dem Vorbild der «Schwammstadt».
Oberflächenabfluss: Ursache jedes zweiten Überschwemmungsschadens

Unser Lebensraum wird immer dichter bebaut und intensiver genutzt. Versiegelte Oberflächen machen heute einen Grossteil unserer Siedlungsgebiete aus. Folglich fliesst bei Starkregen mehr Wasser an der Bodenoberfläche ab (sog. Oberflächenabfluss): am Hang, entlang von Strassen und auf Plätzen. Wo das Wasser nicht weiterfliessen kann, staut es sich auf und kann so auch Gebäude, Infrastrukturanlagen und sogar Personen gefährden. Die Entwässerungseinrichtungen von Strassen und privaten Grundstücken sind auf häufig auftretende, geringe Wassermengen ausgelegt. Bei heftigen, lokalen Gewitterregen vermögen diese die anfallenden Wassermengen nicht zu fassen. Auch fernab von Gewässern häufen sich Überschwemmungen. Gemäss der «Gefährdungskarte Oberflächenabfluss» (siehe Link am Ende des Beitrags) sind gar zwei von drei Gebäuden potenziell gefährdet. Deshalb schliesst die 2020 überarbeitete Norm SIA 261/1 Oberflächenabfluss explizit ein und definiert klare Schutzzielanforderungen.

Starkregen vorbeugen – mit permanenten, baulichen Massnahmen

Die jüngsten Unwetter und insbesondere jene des Sommers 2021, haben die Risiken infolge Starkregen und Hochwasser eindrücklich vor Augen geführt. Mit fortschreitender Klimaerwärmung ist mit noch häufigeren und heftigeren Unwettern zu rechnen, begleitet von ebenso extremen Hitzewellen und Trockenperioden im Sommer. Insbesondere Stürme und Starkregen dürften in ihrer Intensität und Häufigkeit zunehmen, denn wärmere Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen, was die Starkregengefahr und auch die Dynamik der Luftmassen erhöht. Für die bisher beobachtete Zunahme der Überflutungsschäden ist allerdings primär der Mensch verantwortlich: Heute werden auch Untergeschosse oft intensiver genutzt und entsprechend hochwertig ausgebaut. Die in Kellern verbauten und aufbewahrten Sachwerte sind tendenziell wertvoller und fragiler als sie es früher wahren. Dies erklärt, neben mangelnden baulichen Vorkehrungen, das heute insgesamt höhere Schadenrisiko. Um dem entgegenzuwirken, müssen Gebäude besser gegen Wassereintritt geschützt und allenfalls die Nutzung stark gefährdeter Gebäude entsprechend angepasst werden. Je früher also präventive Schutzmassnahmen, wie bspw. Versickerungs- und Retentionsanlagen, Abdichtungen etc., in das Gesamtkonzept eines Neubaus oder Umbaus einfliessen, umso wirksamer, günstiger und optisch ansprechender werden diese ausfallen. Der «Naturgefahren-Check» auf www.schutz-vor-naturgefahren.ch zeigt auf, welchen Naturgefahren ein Grundstück potenziell ausgesetzt ist. Zusätzlich zu den Informationen über die Gefährdung am jeweiligen Standort empfiehlt das System auch sinnvolle Schutzmassnahmen zur spezifischen Situation.

Überlastfall bewusst und frühzeitig antizipieren

Typische Eintrittswege von Wasser in Gebäude sind Zufahrten und Zugänge, Lichtschächte aber auch Lüftungsöffnungen oder ungenügend abgedichtete Leitungsdurchführungen. Es gilt daher auch Details im Auge zu behalten und auf eine optimale Abstimmung zwischen den Planern und den ausführenden Unternehmen zu achten. In einem ersten Schritt braucht es jedoch Klarheit, von wo Wasser auf das Grundstück zufliessen, wo es sich aufstauen und wo dieses weiter-, respektive abfliessen kann. In einem zweiten Schritt wird anhand der Bauwerksklasse (BWK I-III) des Gebäudes ein Schutzziel definiert und festgelegt, mit welchen Massnahmen Erd- und Untergeschosse trocken gehalten werden sollen. Weil auch kleinste Höhenunterschiede die Abflusswege beeinflussen, hat die bewusste Planung der Abflusswege um das Gebäude, mittels geeigneter Umgebungsgestaltung, besonders grosses Potenzial. Speziell bei Neubauten empfiehlt es sich, Erdgeschosse und Gebäudeöffnungen erhöht anzuordnen. Je mehr Gebäudeöffnungen und sonstige, potenzielle Schwachstellen permanent geschützt sind, umso besser. Solche baulich-konzeptionellen Schutzvorkehrungen sind besonders zuverlässig und langfristig kosteneffizient. Im Idealfall entfällt dadurch zusätzlicher Aufwand für die Wartung und den Unterhalt mobiler Schutzsysteme.

Klimaangepasstes Wassermanagement am Beispiel der «Schwemmstadt»

Der Schutz vor Starkregen lässt sich im Weiteren gut mit Bestrebungen zur Klimaanpassung kombinieren. Ein Musterbeispiel hierfür ist das Konzept der «Schwammstadt»: Hierbei soll möglichst viel überschüssiges Regenwasser schadlos zwischen den Gebäuden hindurchgeleitet und über durchlässige Oberflächen lokal zwischengespeichert werden. In Trockenzeiten kann das aufgefangene Wasser wieder verdunsten und so zu einem angenehmen Stadtklima beitragen.

Autor: Benno Staub, Bereichsleiter Naturgefahren-Prävention, Vereinigung Kantonaler Gebäudeversicherungen VKG

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