Naturgefahren im Nachhaltigkeitskontext, Teil 1 – Hagelschutz

Eine nachhaltige Bauweise muss auch dem Schutz vor Naturgefahren Rechnung tragen. Energetische Sanierungen bieten eine ideale Gelegenheit, um den Hagelschutz von Dach- und Fassade zu verbessern.

Eine nachhaltige, auf die zukünftigen Klima- und Umweltbedingungen ausgerichtete Bauweise muss auch den Naturgefahren Rechnung tragen. Die auffällig hohen Schäden infolge Hagel, Sturm und Überschwemmungen im Sommer 2021 verdeutlichen diesen Handlungsbedarf. Hauptverantwortlich für die hohen Schäden sind die oftmals verletzlichere Bauweise der letzten Jahrzehnte (infolge anfälligerer Materialisierungen, dem vermehrten Verzicht auf schützende Vordächer etc.) und die laufend steigende Wertekonzentration. Umso wichtiger ist es, bei Neu- und Umbauten sowie bei Sanierungen bewusst Gegensteuer zu geben.

Typische Hagelschäden an Gebäuden

Die Bauteile der Gebäudehülle sind gegenüber Hagel besonders exponiert und leider oft zu anfällig gegenüber mechanischer Einwirkung. Rund ein Drittel aller Elementarschäden gehen auf Hagel zurück. Die 2021 veröffentlichten Hagelgefährdungskarten der MeteoSchweiz zeigen, dass in vielen Regionen der Schweiz bereits alle 20 Jahre mindestens einmal mit Hagelkörnern von 3 cm Durchmesser zu rechnen ist. Bei nicht geprüften und nicht per se hagelfesten Bauteilen können massive Schäden wie Dellen, Verbiegungen oder gar Risse entstehen. Entsprechend häufig und kostspielig sind Schäden an Storen, Solaranlagen, Kunststoffelementen wie Lichtkuppeln oder freiliegenden Dichtungsbahnen. Hinzu kommen ästhetische Beeinträchtigungen an Dünnblechen sowie an Anstrichen und Lasuren. Im schlimmsten Fall kann über undichte Stellen Wasser ins Gebäude eindringen und hohe Folgeschäden verursachen.

Hagelschutz beginnt beim Bauen

Damit eine Fassade, eine Solaranlage oder eine Dacheindeckung ihre angestrebte Lebensdauer erreicht, muss diese auch gegenüber Hagelschlag eine minimale Widerstandsfähigkeit aufweisen. Für Bauteile sind fünf Hagelwiderstandsklassen definiert: HW 1 bis HW 5. Die Ziffern entsprechen der maximalen Hagelkorngrösse in Zentimetern, der ein Bauteil standhält. Je höher der HW-Wert, umso höher der Hagelwiderstand. Als allgemeine und einfach umzusetzende Empfehlung gilt: die gesamte Gebäudehülle muss mindestens HW 3 aufweisen, d. h. bis 3 cm grosse Hagelkörner unbeschadet überstehen. Dabei sind zwei Grundkonzepte zu beachten: Erstens die Verwendung robuster Materialien für die betroffenen Elemente der Gebäudehülle, zweitens der Schutz der besonders verletzlichen Lamellenstoren. Für Neubauten sind die Anforderungen an den Hagelschutz in der Norm SIA 261/1 «Einwirkungen auf Tragwerke – Ergänzende Festlegungen» beschrieben.

Hagelgeprüfte Produkte für die gesamte Gebäudehülle

Nebst diskussionslos hagelunempfindlichen Materialien wie Beton oder ausreichend starkem Glas (>= 4mm) gibt es für sämtliche Bauteilkategorien der Gebäudehülle eine Vielzahl hagelgeprüfter Produkte am Markt, welche im Hagelregister eingetragen sind. Deshalb empfiehlt sich die Konsultation dieses kostenlosen Online-Planungstools bei Neu- respektive Umbauten und Sanierungen, oder wenn eine Solaranlage installiert werden soll. Die Produkte im Hagelregister werden gemäss einheitlichen Prüfbestimmungen an sechs Prüfinstituten in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland getestet. Die Gültigkeit der Zertifikate wird laufend überprüft. Weil Kunststoffprodukte unter Einfluss der UV-Strahlung altern und mit der Zeit an Festigkeit verlieren können, ist deren Hagelwiderstand im Neuzustand angegeben. Bei der Wahl solcher Produkte empfiehlt es sich tendenziell auf einen noch höheren Hagelwiderstand zu setzen oder ein alternatives Produkt zu wählen (z. B. Lichtkuppel aus Glas).

Hagelwarnsignal für intelligente Storen

Lamellenstoren sind konstruktionsbedingt besonders verletzlich, lassen sich im Gegensatz zur restlichen Gebäudehülle   aus dem Gefahrenbereich bewegen. Die darunterliegenden, modernen Fenster und Fensterrahmen halten auch sehr grossen, selten auftretenden Hagelkörnern stand. Ein Storenersatz hingegen ist mit viel Aufwand und langen Überbrückungszeiten verbunden – wobei die Räumlichkeiten der Sommerhitze zwischenzeitlich schutzlos ausgesetzt und deshalb kaum nutzbar sind. Abhilfe schafft das Warnsystem «Hagelschutz – einfach automatisch», welches von den Kantonalen Gebäudeversicherungen in Zusammenarbeit mit SRF Meteo und NetIT Services ebenfalls kostenlos angeboten wird. Über eine Schnittstelle kann die Gebäudesteuerung laufend auf die neuste Hagelprognose am Standort zugreifen und die Storen bei erhöhter Hagelgefahr automatisch hochfahren. Sobald die Hagelwahrscheinlichkeit einen Schwellenwert unterschreitet, werden sämtliche Storen wieder in ihre ursprüngliche Position gebracht. Insbesondere bei grösseren Gebäuden mit erheblichem Storenanteil gehört dieses technische Schutzsystem zu den wichtigsten Präventionsmassnahmen.

Berücksichtigung von Naturgefahren

Werden die Naturgefahren frühzeitig bei der Bau- und Sanierungsplanung berücksichtigt, lässt sich die Lebenserwartung von Bauteilen und damit auch die Werterhaltung steigern – damit der Gebäudepark von morgen den Launen der Natur nicht schutzlos ausgeliefert ist. Sowohl der SNBS Hochbau 2.1 als auch der SSREI widmen dem Thema Naturgefahren einen separaten Indikator.

In der kommenden Ausgabe widmen wir uns der Erstabklärung der Gefährdung am Standort.

Autor: Benno Staub, Bereichsleiter Naturgefahren-Prävention, Vereinigung Kantonaler Gebäudeversicherungen VKG

Weiterführende Informationen

Hagelresistente Bauprodukte
Storen-Steuerungssystem «Hagelschutz – einfach automatisch»
Informationsplattform mit standortgenauer Gefährdungsübersicht und Empfehlungen zum Gebäudeschutz

Vorheriger Beitrag
ZURI.CH CAMPUS – Bewertung nach SSREI
Nächster Beitrag
Nachhaltigkeit bei Dominicé & Co Asset Management
Menü