Interview mit Antje Horvath

Antje Horvath, Leiterin Abteilung Versicherung der Gebäudeversicherung Solothurn und Mitglied im SSREI-Prüfgremium, zu den Themen Energieeffizienz im Gebäudebestand, Eigenverantwortung und Naturgefahren.

Frau Horvath hat an der Technischen Hochschule in Karlsruhe Architektur studiert und das Studium 1995 abgeschlossen. Diesem gefolgt ist ein Nachdiplomstudium für Regionalwissenschaft / Regionalplanung sowie zahlreiche Weiterbildungen in technischen wie auch Management-Themen. Frau Horvath arbeitete lange Zeit als Architektin, bevor sie nach einem Abstecher in die Wissenschaft bei der ART agroscope Reckenholz-Tänikon, 2007 eine Anstellung bei der Baudirektion Zürich annahm. Dort hat sie u.a. über viele Jahre die Minergie-Zertifizierungsstelle des Kantons Zürich geleitet. Parallel war sie Mitglied des Vorstands der Vereine „Forum Energie Zürich“ sowie „GEAK (Gebäudeenergieausweis der Kantone)“. 2019 hat sie einen Branchenwechsel zu den Gebäudeversicherungen vorgenommen. Heute leitet sie die Abteilung Versicherung bei der Solothurnischen Gebäudeversicherung (SGV). Frau Horvath ist zudem Mitglied des SSREI-Prüfgremiums.

Interview mit Antje Horvath:
Solothurnische Gebäudeversicherung

SSREI: Wer sind Sie?

Antje Horvath: Ich bin eine viel interessierte Person, die mit ihrem Handeln versucht, Entwicklungen zum Besseren zu bewirken. Deshalb haben mich die Themen Umwelt und CO2 in Verbindung mit dem Bauen fasziniert. Heute, nach meinem Branchenwechsel in die Versicherungswelt, versuche ich dort meinen Beitrag zu einer nachhaltigen Schweiz zu leisten.

SSREI: In Ihrer Person vereinen sich aufgrund Ihres Werdegangs die Disziplinen Energie und Umwelt sowie Naturgefahren, die auch in den SSREI-Bewertungsindikatoren Berücksichtigung finden. Weit über die Hälfte des Schweizer Gebäudebestands ist älter als 40 Jahre, davon sind schätzungsweise 1.5 Mio. Liegenschaften sanierungsbedürftig – die Sanierungsquote liegt aber gerade einmal bei rund 1% und über 60% der Gebäude werden noch immer mit Öl oder Gas beheizt. Haben wir eine Chance, die Energiewende rechtzeitig zu schaffen?

Antje Horvath: Die Energiewende im Gebäudesektor hängt insbesondere von folgenden Faktoren ab: der Qualität der Gebäudehülle, dem Heizsystem und nicht zuletzt vom Verhalten der Bewohnenden. Allein schon eine um 1 Grad tiefere Raumtemperatur bedeutet beim älteren Gebäudebestand 6% weniger CO2-Ausstoss, bei neueren Bauten wirkt sich dies gar noch deutlicher aus. Neue Technologien allein werden es aber nicht richten. Es braucht den Beitrag aller: der Wissenschaft, der Politik, der Wirtschaft – und jedes einzelnen von uns.

SSREI: Kann SSREI hier ebenfalls einen Beitrag leisten?

Antje Horvath: Absolut. So werden die genannten Faktoren in der SSREI-Methodik auch bewertet und die individuellen Evaluationsresultate liefern Anhaltspunkte für das mögliche Verbesserungspotenzial. Zudem haben wir mit dem CO2-Gesetz in der Schweiz im Weiteren ein gutes Fördersystem, das diesen Prozess kontinuierlich voranbringt. Die aktuelle politische Lage treibt Energieeinsparungen, energetische Sanierungen und den Einsatz alternativer Energiequellen zusätzlich an.

SSREI: Gefördert werden u.a. Wärmepumpen. Diese sind aber nur bedingt eine Lösung, solange eine Versorgungslücke droht und die Stromproduktion sogar teilweise wieder auf Kohle umgestellt werden sollte.

Antje Horvath: Sollte es tatsächlich so weit kommen, dann darf das nur eine kurzfristige Übergangslösung sein. Die Energiewende bedingt, dass auf politischer Ebene die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen werden, d.h. die Stromlücke geschlossen wird, und zwar auf erneuerbare Art und Weise.

SSREI: Wir haben vorhin den Einfluss seitens der BewohnerInnen angesprochen. Was kann das Individuum nebst dem Heizverhalten sonst noch beachten?

Antje Horvath: Ein grosser Hebel liegt sicherlich beim Haushaltsstrom (eingesetzte Geräte, Warmwasser, Beleuchtung, etc.), welcher ca. 30% des Energiebedarfs eines Gebäudes ausmacht. Energie-effiziente Geräte und deren massvoller Einsatz ist zentral. Auch kann bereits eine Menge Strom gespart werden, indem die Geräte tatsächlich ausgeschaltet sind, statt sie im Stand-by-Betrieb zu belassen.

SSREI: Kommen wir zu den Naturgefahren. Wie sind da die Gegebenheiten hierzulande?

Antje Horvath: Schauen Sie sich nur mal die Schweizer Hagelkarte an – die ist mittlerweile praktisch flächendeckend rosa bis dunkelrosa, und die Unwetter werden aufgrund der Erderwärmung, gemäss Prognose der Wissenschaft, noch weiter zunehmen. Wie wir in jüngster Vergangenheit schmerzlich in Erfahrung bringen mussten, gilt dieses Szenario auch für Starkregen, Hochwasser und Stürme. Insbesondere wurde die Schweiz im Sommer 2021 durch mehrere Unwetter heimgesucht. Dies betraf hauptsächlich die Kantone Luzern, Zug und Zürich, in denen es zu vermehrtem Auftreten von Hagel kam. In Solothurn hatten wir hingegen mehr Probleme mit Überschwemmungen. Wie die schweizweite Statistik zeigt, kam es in den letzten 20 Jahren in der Schweiz zu mehreren ausserordentlichen Ereignissen.

SSREI: Wie verhält sich da die Gebäudeversicherung Solothurn, d.h. was wird konkret unternommen, um die Eigentümerschaft für Naturgefahren zu sensibilisieren?

Antje Horvath: Neben der eigentlichen Versicherung von Objekten und der Intervention im Falle von Schadenereignissen, ist es auch unsere erklärte Aufgabe, die Eigentümerschaft zur Vermeidung von Elementarschäden zu beraten und mögliche Massnahmen aufzuzeigen, um das Schadenrisiko zu verringern. Bei der Umsetzung von Präventionsmassnahmen beteiligt sich die SGV auch mit finanziellen Mitteln. Für die Aufklärungsarbeit erhalten wir Unterstützung durch die Vereinigung Kantonaler Gebäudeversicherungen (VKG).

SSREI: Welches sind die Erkenntnisse aus Ihrer Arbeit im SSREI-Prüfgremium?

Antje Horvath: Im Rahmen des Prüfprozesses schauen wir, ob die Risiken in Bezug auf die Naturereignisse korrekt ermittelt worden sind und weisen explizit auf Präventionsmassnahmen hin – wo sie nicht bereits umgesetzt worden sind. Wer seine Hausaufgaben nicht erledigt hat, „büsst“ dies mit einer schlechteren Bewertung. Generell stellen wir fest, dass es betreffend Präventionsmassnahmen bei Naturgefahren noch einiges an Verbesserungspotenzial gibt.

SSREI: …und der Liegenschaftsbesitzer büsst nicht nur mit einer schlechteren SSREI-Bewertung, sondern auch mit einem allfälligen, kostspieligen Schaden oder im besten Fall mit Umtrieben.

Antje Horvath: Korrekt. Auch wenn der Eigentümer versichert ist, den Ärger hat er allemal.

SSREI: Herzlichen Dank, Frau Horvath, für Ihre Zeit und das interessante Gespräch.

Übersicht zu den durch Naturgefahren verursachten Gebäudeschäden in der Schweiz

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