Interview mit Alec von Graffenried

Alec von Graffenried, Direktor für Sicherheit, Umwelt und Energie (SUE) der Stadt Bern und Mitglied des SSREI-Advisory Boards zum Thema «Nachhaltige Immobilien – Rolle der öffentlichen Hand»
Wer sind Sie?

Ich bin Rechtsanwalt, Mediator und Immobilienentwickler. 2007-2025 war ich Nationalrat, 2017-2024 Stadtpräsident und seither Direktor für Sicherheit, Umwelt und Energie in der Berner Stadtregierung. Ich bin verheiratet, wohnhaft in Bern, habe vier erwachsene Kinder und 2 Enkelinnen.

Sie sind Mitglied des SSREI-Advisory Boards. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Mandat anzunehmen?

Ich war Initiant des «SNBS-Hochbau», des Gebäudelabels des Bundes für nachhaltiges Bauen. Es ist wichtig, dass wir in einheitlichen Kategorien über den ganzen Lebenszyklus einer Immobilie denken und damit eine inhaltliche Messung und Vergleichbarkeit schaffen. Nur so können wir den Schweizer Gebäudebestand in eine konsistente Richtung entwickeln. Der SSREI stützt sich – wie der SNBS auch – auf die SIA-Norm 112/1 «Nachhaltiges Bauen – Hochbau», ist damit eng mit SNBS-Hochbau verwandt und erfüllt damit den soeben beschriebenen Anspruch.

Die öffentliche Hand hat eine wichtige Vorbildfunktion – so auch in Sachen nachhaltige Immobilien. Was leistet da die Stadt Bern?

Nebst dem Klima-Reglement für unsere eigenen Liegenschaften im Verwaltungs- und Finanzvermögen verfügt die Stadt Bern über ein umfassendes Strategiepapier für die nachhaltige Stadtentwicklung. Dieses orientiert sich inhaltlich ebenfalls an der SIA 112/1. Die Stadt Bern wendet dieses seit Anfang der 2010er-Jahre an und gehört damit zu den ersten Städten, welche sich konsequent dem nachhaltigen Bauen beziehungsweise der nachhaltigen Stadtentwicklung verschrieben hat.

In Ihrem Dokument «Baujahr 2024: Jahresrückblick» beschreiben Sie die Projekte des entsprechenden Jahres. Daraus geht hervor, dass die Stadt Bern mehrheitlich saniert, erweitert und Provisorien errichtet. Ist dieses vorbildliche Verhalten repräsentativ für Gemeinden?

Die öffentliche Hand in der Schweiz baut traditionell mit hoher Qualität – mitunter in Bezug auf Architektur und Städtebau. Dies hat zur Konsequenz, dass viele öffentliche Bauten heute unter Schutz stehen. Negativ gesagt schränkt dies heute den Handlungsspielraum ein; positiv formuliert legten wir damals den Grundstein für Nachhaltigkeit, denn nichts ist nachhaltiger, als den Bestand zu erhalten – Erhalt von kulturellem Wert, Erhalt von grauer Energie, Verzicht auf neue graue Energie. Es ist somit kein Zufall, dass das Kriterium «Städtebau und Architektur» beim SNBS und SSREI an erster Stelle steht.

Und wie steht es mit der Suffizienz, die Sie in Ihrer Strategie verankert haben? Sind eben gerade teure Bauten aufgrund ihrer Solidität suffiziente Bauten?

Suffizienz beinhaltet zwei Dimensionen: Die Bauweise und Materialisierung respektive das Bauprogramm. Ersteres muss im gesamten Lebenszyklus betrachtet und beurteilt werden. Der wesentliche Kostentreiber bei öffentlichen Bauten ist aber das Bauprogramm. Im Gegensatz zur Privatindustrie haben sich Desk-Sharing und Mehrfachnutzungen von Büros kaum durchgesetzt. Das führt zu hohem Raumbedarf, folglich hohen Baukosten und gleichzeitig miserabler Nutzungsdichte. Aktuell bauen wir am meisten Schulbauten. Die Lehrpersonen lehnen Mehrfachnutzungen oft ab, weil es für sie nicht praktisch und zweckmässig ist. So kommt es, dass Schulzimmer, Garderoben, Gruppenräume, Zeichenzimmer, Musikzimmer, Biologiezimmer, Sporträume und zusätzlich auch noch Freizeiträume und Essräume für die Tagesbetreuung bestellt werden. Parallelnutzungen werden abgelehnt, damit könnte jedoch das Raumprogramm reduziert werden. Das sind effektiv keine nachhaltigen Konzepte, sie schaffen unglaubliche Kosten, hier müssen wir umdenken.

Die Schweizer Gemeinden stehen in Sachen nachhaltige Immobilien an einem unterschiedlichen Stand. Standards würden für einen einheitlicher(en) Level sorgen. Wie stehen Behörden den Standards gegenüber?

Standards schaffen Transparenz und Vergleichbarkeit, und daran ist die öffentliche Hand interessiert; Benchmarks zwischen den Gemeinden werden politisch sogar eingefordert. Gerade für kleinere Gemeinden mit reduzierten Ressourcen wären Standards hilfreiche Instrumente, weil ihnen von der Branche fertig entwickelte Rezepte viel Arbeit abnehmen. In grossen Stadtverwaltungen ist viel Knowhow vorhanden, sie sind unmittelbar weniger auf solche Hilfstools angewiesen. Aber echte Vergleichbarkeit würde einheitliche Instrumente bedingen.

Grundsätzlich kann man sagen, dass sich die Gebäudelabels wie Minergie und SNBS-Hochbau bei den öffentlichen Bauten etabliert haben. Beim Bestand ist es wohl eher so, dass grosse Städte entweder bereits vor Jahren ihre eigenen Konzepte entwickelt haben oder sich nun die Verwendung von Standards überlegen, um in der Liga von Best Practice mitspielen zu können. Beim Rest dürfte das Thema noch gar nicht angekommen sein.

Wie kann man diese Gemeinden mobilisieren? Gibt es entsprechende Gremien?

Wir kennen die Fachgremien des Städteverbands – analog zum Beispiel der kantonalen Energie- oder Finanz-Direktorenkonferenzen. Keine solchen Institutionen gibt es zurzeit in den kantonalen Gemeindeverbänden, hier gibt es aber ein umfassendes Beratungs- und Weiterbildungsangebot. Man könnte diese Themen in diese Gremien einbringen.

Sie haben vorher die Norm SIA 112/1 «Nachhaltiges Bauen – Hochbau» erwähnt. Sie wurde 2004 erstmals publiziert. Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema. Was hat sich über die Jahre verändert?

Zu Beginn der Nuller-Jahre stand das Thema Betriebsenergie im Vordergrund, angeführt von Minergie, welcher 1998 lanciert und als selbständiger Verein viel ins Marketing stecken musste. Mit der SIA 112/1 wurde dann der inhaltliche Fächer geöffnet – in Kenntnis dessen, dass nachhaltige Immobilien mehrdimensional sind. Auf dieser Basis sind Standards entstanden wie der SNBS-Hochbau fürs Bauen respektive der SSREI für den Bestand. Diese müssen sich selbst finanzieren, was die Verbreitung harziger macht, sich aber mittlerweile gut verbreiten.

Was sich gegenüber den Anfängen verändert hat, ist die Bedeutung der sozialen Nachhaltigkeit, insbesondere des bezahlbaren Wohnraums und der sozialen Durchmischung. Standards müssen hier nachziehen – was beim SSREI bereits erfolgt ist. In solchen Fällen hat es die Branche oft in der Hand, Herausforderungen selbstständig zu lösen. Sonst wird dann der Gesetzgeber regulierend eingreifen, was meist weniger gut kommt.

Gerade im Zusammenhang mit bezahlbarem Wohnraum sind die Behörden immer wieder unter Beschuss: Stichwort «langwierige und komplizierte Baubewilligungsverfahren». Sind das berechtigte Vorwürfe?

Bauen ist komplex – und Baubewilligungsverfahren sind vor allem kompliziert. Da gibt es effektiv Handlungsbedarf. Es wird heute seitens der Bewilligungsbehörden oft ein Perfektionismus an den Tag gelegt, der so nicht weitergetrieben werden kann. Bauvorschriften und -verfahren sind zu einer Kryptowissenschaft geworden, die nur noch hochspezialisierte Fachleute verstehen. Sie gehören vereinfacht – Punkt. Baubewilligungsverfahren müssen auch seitens der Bewilligungsbehörden wie Projekte geführt werden mit klaren Fristen und Budgets. Es braucht Leute, welche die Güterabwägung unter den Fachbereichen beherrschen und entscheidungsfähig sind. Es gibt beim Bauen nun mal kontroverse Themen; mit denen muss man effizient umgehen können. Meine Hoffnung ist, dass KI in diesem Bereich Unterstützung bieten kann und wird.

Ein anderes Thema sind die Beschwerden und Rekurse, welche die Baubewilligungsverfahren zusätzlich lähmen können.

Betreffend Rekurse hat Ihre Kollegin im SSREI-Advisory Board, Andrea Gmür-Schönenberger, ein Postulat beim Bundesrat eingereicht. Was erwarten Sie davon?

Es ist gut, dass Ständerätin Andrea Gmür-Schönenberger hier auf Bundesebene aktiv geworden ist. Der Lösungsvorschlag wird dann zur Umsetzung an die Kantone und Gemeinden weitergegeben. Der Bund selbst wird ihn dann nur für die eigenen Bauten anwenden können. Aber wenn das Thema auf Bundesebene platziert ist, hat es das nötige Gewicht. Persönlich sehe ich das Problem weniger in den Rekursen selbst, da sich diese kaum verhindern lassen, sondern vielmehr in den unverhältnismässig langen Beschwerdeverfahren.

Das zweite Thema in Sachen soziale Nachhaltigkeit ist die soziale Durchmischung respektive soziale Isolation – nun auf Wohnhäuser bezogen. Ein schwieriges Thema, wie sich zeigt, denn Gemeinschaftsräume allein lösen das Problem nicht. Was sind die Alternativen?

Meine Erfahrung ist, dass die Bekämpfung der sozialen Isolation am wirksamsten ist, wenn sich die Bewohnerschaft eines Quartiers selbst organisieren kann und selbst die Verantwortung für die Quartierentwicklung mittragen kann. Betroffene zu Beteiligten machen! In der Kreativität, im Engagement und in der Selbstverantwortung der einzelnen Glieder unserer Gesellschaft liegt die grösste Kraft. Wir als Behörde müssen die entsprechenden Rahmenbedingungen setzen und die entsprechenden Freiräume schaffen. Das kann darin bestehen, indem wir multifunktionale Räume zulassen, dass also zum Beispiel ein Parkplatz auch als Markt genutzt werden darf, oder indem wir die Gestaltung des Aussenraums dem Quartier überlassen.

Es braucht die kleinräumige, dezentrale Allokation von Dienstleistungen, und zwar bedarfsgerecht, d.h. in Abstimmung mit der demografischen Entwicklung. Es muss jegliche Ghettoisierung – in beide Richtungen – verhindert werden. So entstehen nicht nur attraktive Städte, sondern funktionierende Gesellschaften. Diese Entwicklung ist aber nicht nur Städten vorbehalten, jedes Dorf soll sich diese zum Vorbild nehmen. Früher war man in den Dörfern sozial gut aufgehoben; da gab es noch die Kirche, den Dorfladen und die Dorfbeiz. Die Städte galten als Ort der Isolation. Heute entwickelt sich die Situation genau umgekehrt. Ziel muss es sein, dass wieder alle Wohnräume diesem Anspruch genügen.

Herzlichen Dank, Herr von Graffenried, für Ihre Zeit und das interessante Gespräch.
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