Tanja Sprünken, Geschäftsführerin von Baumschlager Eberle Architekten St. Gallen, zum Thema «Bauen heute und morgen».
Wer sind Sie?
Ich bin Diplom-Ingenieurin und Architektin und seit über 30 Jahren in unterschiedlichen Bereichen der Bau- und Immobilienbranche tätig. Geprägt hat mich besonders meine Zeit im internationalen Projektgeschäft: Sie hat meinen Blick für komplexe Zusammenhänge geschärft und meinen ganzheitlichen Zugang zur Planung und Realisierung von Projekten nachhaltig geprägt.
In verschiedenen Leitungsfunktionen konnte ich diesen strategischen Blick weiterentwickeln und mit einem vertieften architektonischen Verständnis verbinden. Planerische Präzision, effiziente Prozesse sowie ein klares Bewusstsein für Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung prägen meine Arbeit bis heute. Darüber hinaus engagiere ich mich an verschiedenen Stellen für die Nachwuchsförderung.
Der Wohnungsraum ist knapp, und es muss dringend neuer geschaffen werden. Effektiv verzeichnen wir in der Schweiz eine steigende Zahl an Baubewilligungen. Wie nehmen Sie die Situation wahr?
Wir spüren die angespannte Situation deutlich. Die Nachfrage nach Wohnraum ist hoch, gleichzeitig bleibt die Realisierung neuer Wohnungen anspruchsvoll. Zwar nimmt die Zahl der Baubewilligungen zu, doch zwischen Bewilligung und gebautem Wohnraum liegt oft ein langer Weg. Bei uns ist die Auftragslage grundsätzlich zufriedenstellend; im Bereich der Grossprojekte beschäftigen uns derzeit vor allem öffentliche Liegenschaften, zum Beispiel Spitäler und Infrastrukturbauten für das Militär.
Wohnprojekte sind ebenfalls in Planung, brauchen aber aufgrund der Bewilligungsverfahren und der häufigen Einsprachen viel Zeit.
Ziehen sich die langen Baubewilligungsverfahren wegen behördlicher Ineffizienzen oder wegen Einsprachen in die Länge?
Es ist eine Kombination aus beidem. Bauen ist heute deutlich komplexer geworden, und diese Komplexität führt zwangsläufig zu Ineffizienzen. Hinzu kommen Einsprachen, die Verfahren zusätzlich verzögern. Der damit verbundene finanzielle Mehraufwand betrifft nicht nur die Bauherrschaften, sondern auch uns Architektinnen und Architekten. Eine verlässliche Ressourcenplanung ist unter diesen Bedingungen kaum mehr möglich.
Alec von Graffenried hat im Interview vom Mai auf das Problem der langwierigen und komplizierten Bewilligungsverfahren hingewiesen und Korrektur verlangt. Wo sehen Sie die Ursache und wo die Lösung?
Die Ursache sehe ich in der zunehmenden Überregulierung und Fragmentierung des Bauprozesses. In den letzten Jahrzehnten ist enorm viel Fachwissen entstanden – grundsätzlich ein Gewinn. Gleichzeitig wird jedes Thema immer detaillierter, spezialisierter und isolierter betrachtet. Dadurch entstehen Widersprüche, Zusatzaufwand und Verzögerungen.
Die Lösung liegt daher nicht in noch mehr Vorgaben, sondern in einer Rückbesinnung auf das Wesentliche: klare, schlanke Regeln, mehr Vertrauen in die Kompetenz von Architektinnen, Architekten und Fachleuten sowie eine stärkere Gesamtverantwortung im Planungsprozess.
Wir müssen wieder stärker abwägen dürfen – zwischen Anspruch, Wirkung, Kosten, Zeit und gesellschaftlichem Nutzen.
Aber wären die Architekten denn imstande, diese Komplexität heute noch allein zu bewältigen?
Architektinnen und Architekten haben immer mit Fachleuten zusammengearbeitet: mit Bauingenieurinnen und Bauingenieuren für die Statik, mit HLK-Fachleuten für die technischen Anlagen, mit Landschaftsarchitektinnen und Landschaftsarchitekten für die Aussenräume sowie mit den ausführenden Unternehmen der einzelnen Gewerke. Heute hat sich diese Zusammenarbeit jedoch stark ausgeweitet: Für nahezu jedes Thema gibt es eigene Spezialistinnen und Spezialisten – von einzelnen Normen bis hin zu soziologischen Fragestellungen. Diese zunehmende Spezialisierung spiegelt sich auch bei den Behörden wider; Planungs- und Bewilligungsverfahren werden dadurch komplexer und langsamer. Gleichzeitig erfolgt der Kontakt zur Bauherrschaft oft nur noch indirekt über externe Projektmanagements und Koordinationsstellen, ergänzt durch zusätzliche Beratende etwa für Label- und Nachweisführungen.
Zur Frage: Ja, ich traue Architektinnen und Architekten zu, viele dieser Themen ausreichend zu beurteilen und daraus gute Lösungen zu entwickeln. Bauen bedeutet immer Abwägen. Heute kultivieren wir jedoch zunehmend ein Silodenken. Wenn jede Fachdisziplin gleich stark gewichtet wird wie jene Instanz, die die Gesamtverantwortung für das Projekt trägt, wird die Umsetzung schwieriger, langsamer und teurer.
Können Sie diese Ineffizienz in Zahlen beziffern?
Nicht exakt. Die Ineffizienz lässt sich selten sauber in einer einzelnen Zahl ausdrücken, weil jedes Projekt andere Rahmenbedingungen hat. Sichtbar wird sie aber in den Zeiträumen zwischen Planung, Bewilligung und Realisierung: Grossprojekte brauchen in der Schweiz oft viele Jahre, bis sie umgesetzt werden können. In anderen Ländern werden vergleichbare Projekte deutlich schneller realisiert – auch wenn die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht direkt vergleichbar sind.
Entscheidend ist für mich nicht der Vergleich um jeden Preis, sondern die Erkenntnis, dass unsere heutigen Prozesse nicht zwingend Voraussetzung für gute Architektur sind. Sie sind vielfach zu schwerfällig geworden und binden Ressourcen, die wir besser in Qualität, Nachhaltigkeit und Umsetzung investieren würden.
Stichwort «Gebäudelabels»: Sie wurden geschaffen, um Nachhaltigkeit effizient umzusetzen. Erfüllen sie diesen Anspruch?
Nur bedingt. Bereits die Vielzahl an verfügbaren Standards macht die Sache komplex. Oft braucht allein die Auswahl des für ein Projekt geeigneten Instruments viel Zeit. Zudem verstärken viele Standards die Fragmentierung des Bauprozesses, weil sie sehr detailliert aufgebaut sind und einzelne Themen stark isoliert betrachten.
Wie lässt sich ohne Rezeptbuch nachhaltig – und vor allem einheitlich nachhaltig – bauen?
Ich bin nicht gegen Standards – im Gegenteil. Entscheidend ist jedoch ihre Flughöhe. Sie sollten klare Leitplanken setzen, ohne jedes Detail vorzugeben. Gerade die Schweiz könnte mit ihrer vergleichsweise schlanken Gesetzgebung ein Vorbild sein: knapp definierte Regeln, getragen von kompetenten Fachleuten, die Verantwortung übernehmen und bei Bedarf gezielt Spezialistinnen und Spezialisten beiziehen.
Braucht es also ein Omnibus-Projekt für die gesamte Bauregulierung?
Ja, zumindest braucht es eine grundsätzliche Bereinigung der Bauregulierung.
Viele Vorschriften sind für sich genommen sinnvoll, führen in der Summe aber zu einem schwerfälligen und teuren System. Entscheidend ist nicht Deregulierung um jeden Preis, sondern eine intelligente Vereinfachung: Regeln, die Qualität, Sicherheit und Nachhaltigkeit sichern – und alles andere konsequent hinterfragen.
Sie sind Mitglied des SSREI-Advisory Boards, was zeigt, dass Sie keine grundsätzliche Gegnerin von Standards sind. Was hat Sie dazu bewogen, beim SSREI mitzuwirken?
Beim SSREI wurden meine Ansprüche an Themenumfang und Detaillierungsgrad gut gelöst. Es ist ein pragmatisches Instrument, mit dem Immobilienbesitzerinnen und Immobilienbesitzer mit vertretbarem Aufwand ein klares Bild über die Stärken und Schwächen ihres Portfolios erhalten. Diese Grundlage reicht aus, um die Weichen für eine nachhaltige Entwicklung richtig zu stellen.
Auch bei den Standards für den Bestand wird teilweise übers Ziel hinausgeschossen. Heute ist man imstande, Tools mit Hunderten von öffentlichen Daten zu verknüpfen. Doch nicht die Menge, sondern die Wesentlichkeit der Daten ist ausschlaggebend.
Kommen wir auf die Einsprachen zurück. Der SNBS verlangt ein Partizipationsverfahren. Welche Erfahrungen machen Sie damit?
Mit frühzeitiger Einbindung kann man Vertrauen schaffen. Wenn Nachbarinnen und Nachbarn in irgendeiner Form von einem Bauvorhaben betroffen sind, ist es nicht mehr als anständig, rechtzeitig darüber zu informieren. Wenn mit Partizipationsverfahren jedoch die Büchse der Pandora geöffnet wird, besteht das Risiko, dass unerfüllbare Erwartungen geweckt werden. Das kann Frustration auslösen und das Misstrauen gegenüber einem Projekt eher verstärken als abbauen.
Partizipation widerspiegelt unser grunddemokratisches Verständnis. Wo liegen die Grenzen der Demokratie?
Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn der Gemeinsinn über den Individualinteressen steht. Das gilt für Partizipationsverfahren gleichermassen wie für das Einspracheverhalten der Bevölkerung insgesamt.
Kommen wir am Schluss auf das Thema KI: Wie wird sie Ihren Beruf verändern?
KI wird unseren Beruf verändern – davon bin ich überzeugt. Sie wird uns vor allem dort entlasten, wo heute viel Basis- und Routinearbeit anfällt. Künftig werden wir Gebäudedaten, Rahmenbedingungen und Zielwerte eingeben können, und die Maschine wird daraus in kürzester Zeit Varianten und Lösungsansätze entwickeln.
Für die Architektur sehe ich darin eine grosse Chance. KI kann helfen, die vielen Anforderungen der unterschiedlichen Disziplinen – auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit – schneller zu erfassen, zu vergleichen und in Beziehung zu setzen. Damit könnte sie Planungsprozesse beschleunigen und auch Baubewilligungsverfahren vereinfachen, weil der Abgleich zwischen Bestand, Vorgaben und Zielbild sehr viel schneller möglich wird.
Was KI aber nicht ersetzen kann, ist das, was ein wirklich gutes Projekt ausmacht: Intuition, Haltung, Verantwortung – und vor allem Charakter und schlussendlich auch die Poesie. Architektur entsteht nicht allein aus Daten. Sie entsteht aus Erfahrung, aus Gespür für Menschen und Orte und aus der Fähigkeit, einem Gebäude Bedeutung zu geben.

